Information Management für Banken und Versicherungen: Der Turbo für die Prozessautomatisierung und Dunkelverarbeitung

Dirk Benedix 25.03.2026 

Im Jahr 2026 sind Unternehmen einem beispiellosen Druck ausgesetzt: Märkte verändern sich rasend schnell, Kunden erwarten Echtzeit-Reaktionen, und die Komplexität interner Abläufe nimmt exponentiell zu.

Die Finanzindustrie befindet sich im Jahr 2026 in einem paradoxen Zustand. Auf der einen Seite verfügen Banken und Versicherungen über mehr Daten als fast jede andere Branche. Auf der anderen Seite kämpfen sie oft noch immer mit Durchlaufzeiten, die in einer Echtzeit-Ökonomie wie aus der Zeit gefallen wirken.

Während Fintechs und Neobanken Kontoeröffnungen in Minuten und Kreditentscheidungen in Sekunden anbieten, stecken traditionelle Häuser oft noch in manuellen Prüfschleifen fest.

Der Grund hierfür liegt selten an fehlendem Willen oder mangelnder Kompetenz der Mitarbeiter. Der Flaschenhals ist das Information Management. In einer Branche, deren "Produkt" im Wesentlichen aus Informationen, Verträgen und Vertrauen besteht, ist die Art und Weise, wie diese Informationen verwaltet und durch das Unternehmen geschleust werden, der entscheidende Wettbewerbsfaktor.

Die strategische These dieses Artikels lautet: Ohne ein modernes Enterprise Information Management (EIM) ist eine echte Prozessautomatisierung im Finanzsektor eine Illusion.

Wer Prozesse automatisieren will, muss zuerst seine Informationen digitalisieren, strukturieren und verfügbar machen. EIM ist nicht mehr das digitale Archiv im Keller, sondern der Motorraum der digitalen Bank und Versicherung.

Das Ende der manuellen Sachbearbeitung: Die Vision der Dunkelverarbeitung

Das strategische Ziel für CIOs und COOs in der Finanzbranche ist die Erhöhung der Quote der sogenannten Dunkelverarbeitung (Straight-Through Processing, STP). Das bedeutet: Ein Geschäftsvorfall – sei es ein Schadenfall, ein Kreditantrag oder eine Adressänderung – läuft vom Eingang bis zum Abschluss durch die Systeme, ohne dass ein menschlicher Sachbearbeiter eingreifen muss.

Dies ist jedoch nur möglich, wenn das zugrundeliegende System in der Lage ist, unstrukturierte Eingangsinformationen (eine E-Mail, ein PDF-Formular, ein Foto eines Unfallschadens) in strukturierte Daten zu verwandeln, die von der Maschine verarbeitet werden können.

Hier versagen alte ECM-Systeme oft. Sie speichern das PDF zwar ab, aber sie "verstehen" es nicht. Ein modernes EIM hingegen fungiert als intelligente Schleuse. Es nutzt KI-gestützte Technologien wie Intelligent Document Processing (IDP), um den Inhalt zu extrahieren, zu validieren und direkt an die Dunkelverarbeitungs-Engine (z.B. im Kernbankensystem oder der Bestandsführung) zu übergeben. EIM wird damit vom passiven Speicher zum aktiven Prozess-Enabler.

Use Case 1: Das Onboarding und KYC (Know Your Customer)

Der Onboarding-Prozess ist der erste und wichtigste Berührungspunkt mit dem Kunden. Gleichzeitig ist er regulatorisch hochkomplex. Geldwäschegesetze (AML) und KYC-Prüfungen erfordern das Sammeln und Verifizieren zahlreicher Dokumente (Passkopien, Handelsregisterauszüge, Steuerbescheide).

In vielen Instituten ist dies ein Prozess, der durch Medienbrüche geprägt ist: Dokumente kommen per E-Mail, werden ausgedruckt, geprüft, wieder eingescannt und manuell in Compliance-Listen abgehakt. Das dauert Tage, manchmal Wochen – Zeit, in der der Kunde oft schon zur Konkurrenz abgewandert ist.

Ein integriertes Information Management automatisiert diesen Dokumentenfluss radikal. Eingehende Identifikationsdokumente werden automatisch klassifiziert und auf Echtheit sowie Vollständigkeit geprüft. Das EIM-System triggert im Hintergrund die notwendigen Abfragen bei externen Datenbanken (z.B. Schufa, World-Check) und legt die Ergebnisse revisionssicher in der digitalen Kundenakte ab. Nur bei Auffälligkeiten (Exceptions) wird der Vorgang einem Compliance-Officer zur manuellen Prüfung vorgelegt.

Für die IT-Strategie bedeutet das: Das EIM muss tief in das CRM und die Compliance-Tools integriert sein. Es darf keine isolierte "Dokumenten-Insel" sein, sondern muss als Service fungieren, der den Onboarding-Prozess in Echtzeit mit validierten Informationen füttert.

Use Case 2: Schadenmanagement – Der Moment der Wahrheit in der Versicherung

Im Schadenfall entscheidet sich die Kundenloyalität. Kunden erwarten heute eine schnelle Regulierung und Transparenz über den Status. Doch das Schadenmanagement ist traditionell dokumentenintensiv: Polizeiberichte, Fotos, Gutachten, Kostenvoranschläge und Korrespondenz müssen gesichtet und bewertet werden.

Hier liegt das größte Potenzial für intelligente Prozessautomatisierung durch EIM. Stellen Sie sich vor, ein Kunde meldet einen Hagelschaden per App und lädt Fotos hoch. Ein modernes EIM-System übernimmt diese unstrukturierten Daten. KI-Algorithmen (Image Recognition) analysieren die Fotos, schätzen die Schadenshöhe und gleichen sie mit der Police im Bestandssystem ab. Ist der Schaden gedeckt und liegt die Summe unter einer definierten Grenze, weist das System die Auszahlung automatisch an und generiert das Bestätigungsschreiben.

Das EIM fungiert hier als der Dirigent der Informationen. Es stellt sicher, dass alle Beweismittel revisionssicher zur Schadensakte gespeichert werden, während es gleichzeitig die Daten liefert, die das Kernsystem für die Entscheidung braucht. Für den Versicherer bedeutet dies eine massive Senkung der Prozesskosten (Claims Handling Expenses) und eine signifikante Steigerung der Kundenzufriedenheit.

Use Case 3: Kreditprozesse und Baufinanzierung

Die Kreditvergabe, insbesondere im Bereich der Baufinanzierung oder Firmenkredite, ist ein Dokumenten-Albtraum. Bilanzen, Gehaltsnachweise, Grundbuchauszüge, Exposés – die Menge an Papier ist enorm. Die "Time-to-Yes" (Zeit bis zur Kreditzusage) ist der kritische KPI.

Klassische Workflows scheitern oft daran, dass Unterlagen fehlen oder unvollständig sind, was zu endlosen Rückfragen-Schleifen führt. Intelligentes Information Management löst dies durch Case Management. Anstatt starrer Workflows wird der Kreditantrag als "Fall" (Case) betrachtet. Das System erkennt beim Eingang der Dokumente automatisch, ob die Akte vollständig ist. Fehlt der aktuelle Steuerbescheid, löst das EIM automatisch eine Benachrichtigung an den Kunden oder den Berater aus – noch bevor ein Kreditanalyst die Akte überhaupt geöffnet hat.

Durch die automatische Extraktion von Bilanzkennzahlen aus den eingereichten PDFs (Bilanzanalyse) kann das System zudem ein Vor-Scoring durchführen und dem Analysten eine Entscheidungsvorlage präsentieren. Der Mensch trifft die Entscheidung, aber die Maschine bereitet die Fakten auf. Dies reduziert die Bearbeitungszeit von Wochen auf Tage.

Compliance als Treiber der Automatisierung

Oft wird Compliance als Bremse der Digitalisierung gesehen. Im Kontext von EIM und Prozessautomatisierung ist das Gegenteil der Fall: Automatisierung ist der beste Weg zur Compliance.

In manuellen Prozessen passieren Fehler. Ein Dokument wird im falschen Ordner abgelegt, eine Löschfrist wird übersehen, ein Zugriff wird zu weit gefasst. Automatisierte EIM-Prozesse eliminieren diesen Faktor "Mensch". Ein modernes EIM-System wendet Governance-Regeln automatisch an. Es erkennt beispielsweise anhand des Inhalts, dass es sich um einen Kreditvertrag handelt, und setzt automatisch die gesetzliche Aufbewahrungsfrist sowie die strengen Zugriffsrechte.

Für Banken und Versicherungen, die unter der Aufsicht von BaFin oder FINMA stehen, ist diese "Compliance by Design" essenziell. Automatisierte Prozesse erzeugen zudem lückenlose Audit-Trails. Jeder Schritt – wer hat wann welches Dokument gesehen, bearbeitet oder freigegeben – wird protokolliert. Dies macht Audits schneller, günstiger und stressfreier.

Die technologische Basis: Plattform statt Flickenteppich

Um diese Vision zu realisieren, müssen Banken und Versicherer ihre IT-Architektur überdenken. Viele Häuser betreiben noch immer eine zersplitterte Landschaft aus verschiedenen Archivsystemen, File-Servern und Fachanwendungen, die nicht miteinander sprechen. Dies sind Datensilos, die jede Automatisierung im Keim ersticken.

Die strategische Antwort ist die Konsolidierung auf eine zentrale Content Services Platform (CSP). Diese Plattform dient als zentraler Hub für alle unstrukturierten Informationen. Wichtig dabei ist, dass diese Plattform:

  1. Offen und integrierbar ist (API-First): Sie muss sich nahtlos in die Kernbanken- und Versicherungssysteme integrieren lassen.

  2. Skalierbar ist: Sie muss mit den exponentiell wachsenden Datenmengen umgehen können (Cloud-Native Architektur).

  3. Intelligent ist: Sie muss KI-Services (OCR, NLP, Classification) nativ mitbringen oder einfach anbinden können.

Investitionen in Technologien wie IBM Cloud Pak for Business Automation oder ähnliche Enterprise-Suiten sind hierbei keine reinen Infrastruktur-Investitionen, sondern Investitionen in die Prozessfähigkeit der Organisation.

Strategische Empfehlung: Denken Sie in End-to-End-Prozessen

Für CIOs und Verantwortliche im Finanzsektor lautet die wichtigste Empfehlung: Hören Sie auf, in "Dokumentenablage" zu denken. Denken Sie in "Informationsflüssen".

Ein Dokument ist kein statisches Objekt, das archiviert werden muss. Es ist der Träger einer Information, die einen Prozess auslöst, steuert oder beendet. Modernisierungsprojekte im EIM-Umfeld sollten daher niemals isoliert betrachtet werden, sondern immer als Teil einer übergeordneten Automatisierungsstrategie.

Verbinden Sie Ihre EIM-Initiativen eng mit Ihren Process Mining Aktivitäten. Nutzen Sie Process Mining, um die Schwachstellen in Ihren aktuellen Abläufen zu identifizieren, und setzen Sie dann intelligentes Information Management ein, um diese Lücken zu schließen. Wenn Sie wissen, dass 30% Ihrer Prozessverzögerungen durch Rückfragen zu unvollständigen Dokumenten entstehen, ist der Business Case für eine intelligente Eingangsverarbeitung (Input Management) sofort gerechnet.

Fazit: Agilität durch Informationshoheit

Die Zukunft der Banken und Versicherungen wird nicht allein durch neue Produkte entschieden, sondern durch die Exzellenz in der Abwicklung. Kunden verzeihen keine Wartezeiten mehr.

Ein modernes, automatisiertes Information Management ist der Schlüssel, um diese Erwartungen zu erfüllen. Es verwandelt die träge Papierbürokratie in eine agile, datengetriebene Organisation. Es ermöglicht Dunkelverarbeitung, sichert Compliance und schafft die Freiräume, die Mitarbeiter benötigen, um sich wieder auf das zu konzentrieren, was keine KI ersetzen kann: Die persönliche Beratung und Betreuung der Kunden in komplexen Lebenssituationen.

Wer heute in die Intelligenz seiner Informationsprozesse investiert, baut das Fundament für die Bank und Versicherung der Zukunft.

Stehen Sie vor der Herausforderung, Ihre dokumentenlastigen Prozesse zu automatisieren und Ihre Legacy-Systeme abzulösen?

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